von N…r zu “kaffeebraun”

Hier diskutierte die Leserschaft tagelang darüber, ob ein monothematisches Magazin seiner kommenden Ausgabe einen kolonialrassistischen Titel verpassen dürfe.

Die Frage, die dabei unbeantwortet blieb, ist, wie die Grundkonzeption der Ausgabe aussieht: wird -wie in vergangenen Ausgaben- die Mehrheitsgesellschaft ihre An-Sichten und Assoziationen über die betreffende Gruppe ausbreiten, inklusive “selbstverständlicher” Deutungshoheit?

Der Chef des Magazins hatte es für die Magazin-Ausgabe “Juden” bereits in einem seitenlangen Artikel als zwingend berichtenswert erachtet, dass es völlig ungerecht gewesen sei, ihm Antisemitismus vorzuwerfen – wegen eines Beitrags, in dem er die geschäftlichen Aktivitäten Haim Sabans negativ konnotiert auf dessen jüdischsein zurückführte:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,368390,00.html

Eben dieser Oliver Gehrs schrieb früher auch für die Taz. Diese wiederum veröffentlicht einen bemüht “lockeren” Artikel über die Sache mit dem “N…r”-Magazintitel und versäumt es damit erneut, ihre klassischen Bekundungen man sei gegen Rassismus, in der Realität umzusetzen.

Die Macher des “Dummy-Magazin” (ja, das heißt wirklich so) verzichteten inzwischen auf ihr Vorhaben, das nächste Heft “Neger” zu nennen. Was allerdings nicht direkt in Einsicht mündete. Oder in konzeptionellem Umdenken. Denn stattdessen soll das nächste Heft eine weitere koloniale Assoziation tragen: den Titel “kaffeebraun”.

Weiterhin Mitreden = spannend.

Hier ein offener Brief einer Journalistin, die früher mal für das Magazin schrieb. Worauf sie in Zukunft gerne verzichten möchte.

Lieber Jochen, lieber Oliver,

(…) (Ich behalte mir vor, dass diese Korrespondenz zu Zwecken der Dokumentation veröffentlicht wird.)

ich nehme es nicht persönlich, dass ihr mir nicht antwortet, warum solltet ihr auch mit euren Autorinnen anders umgehen als mit dem restlichen Mob, der euch “Hassmails” (Zitat Gehrs) schreibt, und der im übrigen teilweise eure Leserschaft darstellt.

Ich hoffe, dass “kaffeebraun” nur ein Arbeitstitel ist, während ihr die Recherchearbeit leistet, die längst hätte geschehen müssen. Nun probiert ihr aus, wie die Reaktionen auf “kaffeebraun” sind? Das ist originell. Danach wird, wenn ich aus meiner und der Erfahrung mir bekannter Schwarzer Deutscher sprechen darf, “Mulatten” kommen. Das ist die übliche Reihenfolge, wenn Weiße Deutsche ihre in der Kindheit liebgewonnenen Vokabeln an uns ausprobieren wie Grundschüler Worte wie “Fotze” und “Heil Hitler” an den Eltern (und “Schwarz” ist ihnen und euch einfach zu politically correct, nicht wahr? Langweilig irgendwie, Gruppen nach ihrer Selbstbezeichnung zu nennen, hm – So wie ihr Frauen ja auch lieber Fotzen oder Weiber oder Fräuleins nennt, und nicht, gähn: “Frauen”?). Bei meinem letzten Deutschlandaufenthalt hat ein Feuilletonredakteur der SZ mir erklärt, ich sei “doch korrekterweise eine Mulattin”. Ich sagte ihm, nein, eine Mischung aus Pferd und Esel sei ich eigentlich nicht, und übrigens auch nicht unfruchtbar – aber das ist ein historischer Diskurs aus der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem ich euch hier nicht überfordern will.

Eure Argumente im Blog sind so jenseits jeglicher Ahnung, dass es überhaupt wissenschaftliche Diskurse zum Thema Rassismus gibt, dass ich mich mit großer Überwindung an jede weitere Email an euch setze. Auch sind eure Argumente fast schon rührend mit heißer Nadel gestrickt – etwa die Aussage, mit der ihr euch in jedem philosophischen Grundseminar disqualifizieren würdet: die Nennung eines Begriffs, in diesem Fall des Schimpfworts “Neger”, könne den Diskurs um sich selbst gleich mitdenken. Aber es geht eben nicht um euch, und deshalb schreibe ich diese hoffentlich letzte Email an die Weiße Wand, die da heißt: Oliver Gehrs und Jochen Förster.

Ich erkenne unbedingt an, dass ihr den Titel “Neger” zurückgezogen habt. Damit habt ihr Größe bewiesen. Macht doch nun nicht alles noch schlimmer oder genauso schlimm, indem ihr immer weiter wie die Fliegen hart und hirnlos gegen die Fensterscheibe knallt, weil ihr nach dem Ausgang sucht.

Mokkabohne.

Schokokugel.

kaffeebraun.

Das hatten wir alles schon. Alles, alles. Hundertfach. Es ist nicht originell. Es ist nicht links und nicht rechts, weder liberal noch faschistisch. Es ist das alltägliche Deutschland-Neanderthal, und der Blogger, der unter dem Pseudonym Ahmed aus New York schrieb, hat recht: Nicht wenige von uns, ich eingeschlossen, finden den Bewusstseinsstand zum Thema Rassismus und Respektierung von Selbstbezeichnungen in Deutschland so haarsträubend, dass sie das Land verlassen haben.

Freundliche Grüße,
XXX

(… Name auf Wunsch anonymisiert, Oktober 08)

Sw

7 replies
  1. Andreas
    Andreas says:

    ..das alltaegliche Deutschland-Neanderthal, mein Gott ja, danke fuer diesen Brief. Der taz-Artikel enthält soviele subtile Ehr- und Solidaritaetsbekundungen Gehrs gegenueber und sowenig Kritik, dass einem eigentlich nur erneut schlecht wird. Insbesondere diese Art, diejenigen Leserkommentare nicht in Anfuehrungszeichen zu setzen, die im Titel ernsthaft ‘den mutigen esprit’ loben und ‘political correctness sowieso fuer einen Irrweg halten’ und gleichzeitig das statement jener user, der Titel berge eine Geschichte der Diskriminierung in sich (von mir keine Anfuehrungszeichen, liebe taz-Bloedmaenner), alleinig in diese golden distanzierenden Anfuehrungszeichen zu setzen.

    Man fragt sich hier immer: schaffen diese Leute es, so tief irrational und unreflektiert zu sein, dass sie ihre journalistischen Grundkniffe in ‘ihrem Sinne’ richtig anwenden, ohne es aber selbst zu bemerken, oder sind sie einfach nur offene Heuchler, die durch auf ihre Art zwischen den Zeilen vermitteln, wie es bei ihnen um Rassismus steht? Das Schoene ist ja, dass man annehmen muss, dass, wie im Neaderthal ja ueblich, diese Leute es schaffen beides gleichzeitig zu sein, tief irrational und bewusst rassistisch, je nachdem, wie es die Situation gerade erfordert.

    Die Frage bleibt: sollte man jene Rassistenblaetter jetzt noch weiterhin lesen und sich bis an sein Lebensende aegern oder ist es nicht an der Zeit, die eigene Anwesenheit in Deutschland zumindest dadurch aufzuheben, die Lektuere deutscher Tageszeitungen endgueltig zu beenden- es ist wohl an der Zeit.

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