Offener Brief/Leserbrief an die Braunschweiger Zeitung

Auf diesen Artikel der Braunschweiger Zeitung hin ist am 22.4.08 ein “Offener Brief” geschickt, von der Zeitung aber nicht veröffentlicht worden.

(Kontakt zur Braunschweiger Zeitung über leser-seite@bzv.de sowie redaktion.bs@bzv.de)

Wir empfehlen zur Fortbildung von JournalistInnen weiterhin die Infopapiere unserer “download”-Abteilung, in vorliegendem Fall unmittelbar zum Thema, HIER.

Offener Brief / Leserbrief:

Offener Brief der AG Kolonialismus im Braunschweiger Friedensbündnis

(…)

“Negerkuss” lautet die Auflösung eines Kreuzworträtsels in der Braunschweiger Zeitung vom 8.3.2008. Als sei es mit dieser Entgleisung noch nicht getan, legt Chefredakteur Paul-Josef Raue in der Ausgabe vom 11.3.2008 nach. Auf die Kritik einer Leserin am rassistischen Hintergrund des Wortes antwortet er, die Bezeichnung als “Neger” oder “Zigeuner” sei zwar beleidigend, doch der Wortursprung durchaus harmlos und außerdem lohne “das Nachdenken, ob Zusammensetzungen des Wortes und historische Verweise auch unter das Beleidigungs-Verbot fallen sollen”. Hierzu führt er das Zigeunerschnitzel, musikalische und literarische Bestseller sowie den Philosophen Leibniz an.

Ein wenig mehr Nachdenklichkeit hätte sicher nicht geschadet. Vielleicht hätte schon ein Blick in den Duden geholfen, in dem auf die diskriminierende Wirkung des Wortes “Neger” hingewiesen und ergänzend erwähnt wird: “Vermieden werden sollten auch Zusammensetzungen mit ‘Neger’ wie ‘Negerkuss’, stattdessen verwendet man besser ‘Schokokuss'”. Eine Erkenntnis, welche die Schokokuss-Produzenten bereits seit langem beherzigen, die sich aber offensichtlich bis zur Braunschweiger Zeitung noch nicht herumgesprochen hat.

Der Begriff “Neger” leitet sich, wie Raue schreibt, aus dem lateinischen “niger” (=schwarz) her. Im Deutschen wird er seit dem 17. Jahrhundert populär, und zwar im historischen Zusammenhang von Kolonialismus, Sklaverei und Rassentheorien. Damit ist er von vornherein weder “wertneutral” noch unbelastet. Vielmehr sind mentale Assoziationen – z. B. “Faulheit” oder “Unterentwicklung” – untrennbar mit ihm verbunden. Aufgrund ihrer Hautpigmentierung werden Menschen in wesensmäßig unterschiedliche Gruppen eingeteilt. Dieser rassistische Kontext bildet auch den Hintergrund bei Personen, die sich darüber nicht bewusst sind oder es “wohlwollend” meinen – Leibniz ist hier keine Ausnahme. “Neger” ist nicht erst seit heute eine rassistische Diskriminierung!

Auch der Verweis auf Speisepläne und Werke der Weltliteratur spricht keineswegs für die Verwendung rassistischer Begriffe. Warum wird das “Zigeunerschnitzel” herangezogen, um den “Negerkuss” zu rechtfertigen, und nicht aufgrund der Inakzeptanz des “Negerkusses” auch das “Zigeunerschnitzel” kritisiert? Warum soll es nicht möglich sein, die Werke von Mark Twain und Agatha Christie kritisch auf ihre Begrifflichkeiten zu befragen?

Den zuständigen Redakteuren der Braunschweiger Zeitung empfehlen wir als Grundlagenlektüre ihrer journalistischen Arbeit das Buch “Afrika und die deutsche Sprache”, in jeder guten Buchhandlung beziehbar. Denn: “Worte können sein wie winzige Arsendosen” (Victor Klemperer).

Eine öffentliche Entschuldigung halten wir für angemessen.

AG Kolonialismus im Braunschweiger Friedensbündnis, Braunschweiger Initiative für eine andere Politik, Friedenszentrum Braunschweig, Siegfried Bauer, Alexander Böker, Dieter Daunert, Kurt Dockhorn, Christina Fabricius, Christian Gaedt, Holger Hinz, Andreas Klepp, Claus Kristen, Margot Michaelis, Bernd Röttger, Orhan Sat, Frieder Schöbel, Elke Schrage, Friederike Speitling, Horst Vergin

Kontakt: bs_antikolonial@gmx.de

2 replies
  1. Braunschweig
    Braunschweig says:

    Ich habe gehört, dass der Braunschweiger Fanblock singt:

    “Es es, es es, es es-ka-liert”
    “Es A, es a, es ar-tet-aus”

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  1. […] Offener Brief/Leserbrief an die Braunschweiger Zeitung “Negerkuss” lautet die Auflösung eines Kreuzworträtsels in der Braunschweiger Zeitung vom 8.3.2008. Als sei es mit dieser Entgleisung noch nicht getan, legt Chefredakteur Paul-Josef Raue in der Ausgabe vom 11.3.2008 nach. […]

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