ZDF: nichts aus Studie gelernt?

“Amira ist etwa 37 Jahre alt, mit ihrem Sohn zusammen aus Nigeria geflohen. Sie spricht stark gebrochenes Deutsch/Pidgin English. Amira ist tief gläubige Muslima. Sie war einmal eine sehr gut aussehende Frau, ihre Schönheit ist aber mittlerweile am Verwelken. Wie ihr Sohn arbeitet sie als ungelernte Hilfskraft in der Kantine.”

So beginnt nicht etwa der Aufsatz “wie ich möglichst viele negative Klischees auf einmal verbreite”, sondern die Beschreibung des neuen (!) Filmprojektes der Filmakademie Baden-Württemberg, der Filmproduktion “Bittersuess” und des ZDF.

“Die Himmelsleiter”, ein Abschlussfilm der Filmakademie Baden-Württemberg will in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel einen Film machen über “Schwierigkeiten und Konflikte junger Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis, in unserer westlichen Gesellschaft zu ihrer eigenen Identität zu finden und diese zu leben.”

(Ausführliche Pressemappe des Projektes: hier)

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Erkenntnisse aus der Studie der Universität Erfurt zum Gewalt- und Konfliktbild des Islams bei ARD und ZDF, bei letzterer Anstalt keinerlei Erkenntnisgewinn nach sich gezogen haben und schlicht ignoriert werden.

Ganzes Schreiben des braunen mob e.V. mit Begründung an das ZDF:


ZDF-Redaktion “Das kleine Fernsehspiel”
Cc ZDF Intendanz
Cc ZDF-Fernsehrat

der braune mob e.V. – media-watch

Hamburg, 22.7.2008

Ihr Filmprojekt ZDF-Fernsehspiel “Himmelsleiter”

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir finden es besonders schade, wenn eine so meinungsbildende Institution wie das ZDF Projekte befürwortet, die der Erreichung eines gleichberechtigten Miteinanderlebens diametral entgegengesetzt sind, insbesondere wenn Sie damit ausdrücklich Ihren eigenen Statuten widersprechen
( http://www.unternehmen.zdf.de/uploads/media/Migration_und_Integration_im_ZDF-Programm.pdf ).

Uns hat folgende Anfrage bezüglich eines geplanten “kleinen Fernsehspiels” erreicht:

>> Hallo
>> mein Name ist (…) und ich bin (…)
>> bei bittersuess pictures gmbh, einer Berliner Produktionsfirma
>> Wir befinden uns zur Zeit in den Vorbereitungen für das Filmprojekt
>> “Die Himmelsleiter”, einen Abschlussfilm der Filmakademie Baden-
>> Württemberg in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel (ZDF).
>> Das Projekt befasst sich mit den Schwierigkeiten und Konflikten
>> junger Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis, in unserer westlichen
>> Gesellschaft zu ihrer eigenen Identität zu finden und diese zu leben.

(…) (ganze Fassung sowie Exposé im Anhang)

Dazu möchten wir Ihnen folgendes mitteilen:

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, gegen genau solche stereotypisierenden und exotisierenden Darstellungen Schwarzer Menschen in den Medien anzugehen, wie Sie in dem betreffenden Filmprojekt angedacht sind. Dass an der Entwicklung und Durchführung der Filmproduktion ggf. auch Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt sind, ändert leider nichts an der Tatsache, dass die “schwarzen”/”muslimischen” Charaktere Ihres angedachten “Fernsehspiels” völlig nach stereotypen und orientalistischen Vorstellungen gezeichnet sind.

Für uns ist es vor allem sehr bedenklich, wenn sich Studenten für ihren Abschlussfilm einem solch sensiblen Thema mit einer derartigen Naivität annähern, dass sie es als ausreichend erachten, die Figuren der Geschichte lediglich in grob pathologisierender und völlig defizitärer Form zu konzipieren, und dass das ZDF dies unterstützt.

So befinden sich alle Charaktere in schwerer Krise, sind beispielsweise durchweg unqualifiziert und sprechen nur “gebrochene” Sprachen. Spricht Amina auch noch etwas anderes außer “broken english” und “stark gebrochenem deutsch”? Hat sie etwa in Nigeria auch schon nur “stark gebrochenes Deutsch” gesprochen? Selbstverständlich ist sie nicht nur religiös, sondern “tief religiös”. Und natürlich ist sie eigentlich schön, aber die Schönheit ist am Welken, usw.

Samir ist hingegen seit 8 Jahren in Deutschland, lebt also seit seinem 10. Lebensjahr in Deutschland und spricht nach wie vor “Pidgin English”.

Wir erkennen da ein Muster.

Abgesehen von der Problematik der Begriffe “Pidgin-Englisch”/”broken English”/”gebrochenes Deutsch” bleibt es äußerst fragwürdig, weshalb dies so
einseitig konstruiert werden soll, wobei doch die jeweiligen Sprachkenntnisse der Protagonisten für eine “schwarze” bzw. “muslimische” Thematik überhaupt keine Relevanz haben. Dies befriedigt doch einzig und allein die Erwartung derjenigen (Zuschauer), deren Gedankengut die Phantasien beinhaltet, dass nicht-Deutsche, nicht-christliche, nicht-weisse Menschen defizitär seien (hier: nur unzureichende Sprachkenntnisse besitzen).
Damit reproduzieren Sie Vorurteile, die gefährlich sind.

Wie gut sprechen denn z.B. die Ostdeutschen in diesem Film englisch, oder wie sieht es mit der Beherrschung der spanischen Sprache bei den Westdeutschen aus? (schließlich liegt ja das “16. Bundesland” auf spanischem Boden).

Weiter im Konzept: Natürlich stürzt Samir “als gläubiger Moslem” in eine schwere Krise, als er feststellt, dass er beginnt, sich in seinen besten Freund zu verlieben. Das ist ja was ganz besonderes! Denn nicht-muslimische Männer können damit selbstverständlich ganz locker umgehen, wenn Sie merken, dass sie anfangen, sich in einen Mann zu verlieben. Und um den Reigen der klassischen Exotismus-Phantasien zu vervollständigen, ist Samir
trotz all der ihm zugeschriebenen Probleme, Krisen und Defizite “freundlich und zuvorkommend”, hat ein “offenes Wesen und ein ansteckendes Lachen”.

Dies alles ist dermaßen klischeehaft und postkolonial und zudem auch schon so oft produziert worden, dass sich für uns die Frage stellt, weshalb überhaupt jemand Energie darauf verwenden will, immer wieder die selben Bilder erneut zu inszenieren.

Das Einzige was mit der Produktion bzw. Veröffentlichung eines solchen Films sicher erreicht werden kann, ist die Perpetuierung der oben bereits angesprochenen Denkmuster und eine Fortführung der postkolonialen Sicht der weißen Deutschen Mehrheitsgesellschaft auf Bürger, die einer ethnischen oder religiösen Minderheit angehören, sowie die Fortsetzung des Glaubenssatzes, dass sich Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund, also ohne deutsche und christliche Erziehung “hier” einfach nicht voll integrieren können.
Mit der Konstruktion dermaßen schablonenhafter Figuren werden bestehende Ressentiments bestätigt und nachträglich gerechtfertigt.
So gerne Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sich so etwas freilich anschauen mögen – es fällt uns schwer zu glauben, dass dies Ihre Intention als öffentlich-rechtlicher Sender ist.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Erkenntnisse aus der Studie der Universität Erfurt zum Gewalt- und Konfliktbild des Islams bei ARD und ZDF, in Ihrer Redaktion keinerlei Erkenntnisgewinn nach sich gezogen haben und schlicht ignoriert werden.

Dass sie keinesfalls Ihren eigenen Ansprüchen genügen, einen “laut ZDF-eigenem Dossier– “Beitrag zur Integration im Fernsehen” zu leisten, sondern ganz im Gegenteil offensiv all jene Klischees bedienen, die gerne immer mal wieder als Grundlage für die Behauptung einer weißen (und ggf. westlichen) Überlegenheit herangezogen bzw. strapaziert werden, und die -wie Ihnen sicher nicht entgangen ist- im realen Leben den Nährboden für gewalttätige Übergriffe darstellen, ist aus unserer Sicht ein alarmierendes Zeichen!

Sollten Sie sich allerdings dafür entscheiden, einen Film zu produzieren, in dem Schwarze Menschen als selbstverständlicher Bestandteil der Geschichte auftauchen und nicht dazu benutzt werden, Stereotype zu reproduzieren, ist es durchaus denkbar, dass wir unsere Kontakte in verschiedene Netzwerke und Communities nutzen, um bei der Umsetzung eines solchen Stoffes behilflich zu sein.

Und schließlich (rein professionell gesehen):

Eine Sensibilisierung im Hinblick auf Themen, in denen man nicht “zu Hause” ist, bzw. eine Recherche, die ein belastbares Ergebnis erbringt, ist aus unserer Sicht auch bei einem rein fiktionalen Projekt (insbesondere bei einem Abschlussfilm) eine wesentliche Grundlage.

(…)

Mit freundlichen Grüßen,

info@
Derbraunemob.de

der braune mob e.V.
media-watch – schwarze deutsche in medien und öffentlichkeit

— http://www.derbraunemob.info —

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

5 replies
  1. Andreas
    Andreas says:

    .. an dieser Stelle sollte man vielleicht erwaehnen, dass -aus welchen Gruenden auch immer- der Film, zumal der deutsche Film, immer tendenziell Stereotype affirmierenden Charakter hatte. Wieviele Filme ‘anerkannter’ Filmgenies und junger Rgeisseure, nicht nur aus Deutchland zweifellos, hat man nicht gesehen, die das platteste Stereotyp mit der Vorgabe, es zu brechen letztlich auf furchtbarste Weise reproduzieren, auf jeder Berlinale kommt man beim Abzaehlen solcher Beispiele schnell in die Dutzende. Irgendwo bei Horkheimer/Adorno laesst sich ja einiges ueber die Macht der Bilder und das Phantasma der ‘orginaeren’ Abbildung von ‘Realitaet’ lesen, vielleicht ist das Bild, die vorgeblich ‘realistisch’ produzierte Abbildung, allein dazu geschaffen zu luegen, weil hinter der Oberflaeche des Stereotyps, des ja ‘offen’ ersichtlichen, nichts mehr kommt. So etwas sollte man heute in Filmakademien reflektieren und lernen, aber wer jemals Post-Filmdiskussionen bei der Berlinale beiwohnte, weiss, dass dem nicht so ist.

  2. Redaktion
    Redaktion says:

    Mail eines Mitwirkenden, vom 25.7.2008:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wenn ich mich kurz vorstellen darf: Mein Name ist Burhan Qurbani, ich
    bin Student an der Filmhochschule Baden-Württemberg und und mache mein
    Diplom mit dem Projekt “Die Himmelsleiter”.

    Mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihre Email an meine Assistentin,
    Frau Frömel, gelesen und stimme Ihrer Kritik grundsätzlich zu.

    Als muslimischer Filmemacher mit Migrationshintergrund, kenne ich
    natürlich die Gefahren, die durch stereotype Darstellungen, negative
    Klischees und vor allem durch Halbwissen und Missverständnisse
    entstehen können.

    Die beiden Figurenbeschreibungen, auf die Sie sich in ihrer Email
    beziehen, können in ihrer Knappheit leicht zu Missverständnissen
    führen.

    Seien Sie versichert, dass wir die Themen der “Himmelsleiter” mit
    großer Umsicht behandeln, uns aber in einem Castingaufruf sehr kurz
    halten müssen.

    Mein Anliegen als angehender Regisseur ist es, ein differenziertes und
    kritisches Bild der Gesellschaft, in der wir leben, zu zeichnen.

    Bei meinem Diplomprojekt “Die Himmelsleiter” befinden wir uns immer noch
    im Entwicklungstadium und in der Recherche und arbeiten stark daran,
    die von Ihnen erwähnten Stereotype zu vermeiden.

    Daher bin ich sehr froh über Ihre Aufmerksamkeit und Sensibilität
    gegenüber des Themenfeldes unseres Projektes und halte Ihre Arbeit
    diesbezüglich für richtig und sehr wichtig.

    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen

    Burhan Qurbani
    (Student der Szenischen Regie)

  3. Redaktion
    Redaktion says:

    Mail eines ZDF-Redaktuers vom 29.7.2008:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mein Name ist Burkhard Althoff und ich bin der zuständige Redakteur für die Drehbuchentwicklung von Burhan Qurbanis Filmprojekt “Die Himmelsleiter”.
    Herr Qurbani war so nett, mir seine e-mail-Antwort an Sie weiter zu leiten, der ich mich anschließe. Verkürzte Charakterskizzen können tatsächlich schnell zu Missverständnissen führen.

    Die Redaktion “Das kleine Fernsehspiel” verfügt über eine lange und sehr umfangreiche Geschichte der Zusammenarbeit mit Filmemacherinnen und Filmemachern mit Migrationshintergrund. Dementsprechend haben unsere Spiel- und Fernsehfilme sehr häufig Protagonistinnen und Protagonisten mit migrantischem Hintergrund. Wie immer werden wir auch bei dem noch im Entwicklungsstadium befindlichen Projekt “Die Himmelsleiter” die von Ihnen angesprochenen Punkte mit besonderer Sorgfalt behandeln.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Burkhard Althoff

    ZDF
    Burkhard Althoff
    HR Fernsehspiel Redaktion Das kleine Fernsehspiel
    55100 Mainz
    Deutschland

    E-Mail: Althoff.B@zdf.de
    Web: http://daskleinefernsehspiel.zdf.de

    Mit dem Zweiten sieht man besser

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