Berlin, 3.9.2009: Infoveranstaltung zur Umbenennung des Kreuzberger Gröbenufers in May Ayim-Ufer

Donnerstag, den 3. September 2009 um 18:00
Saal des Zirkus Cabuwazi, Eingang: Gröbenufer 2 oder Köpenicker Str. 2-3, Friedrichshain-Kreuzberg

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Afrodeutsche Dichterin statt Kolonialpionier mit Straßennamen ehren

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BER e.V. und die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg laden die AnwohnerInnen und interessierte Öffentlichkeit ein, um über die Personen Ayim und von der Gröben, über
unsere Gründe für den Wechsel der Erinnerungsperspektive und die Auswirkungen der Umbenennung zu informieren.

Es sprechen:
– Christian Kopp, Berlin Postkolonial e.V., über Otto Friedrich von der Gröben, Pionier des deutschen Kolonialismus
– Joshua Kwesi Aikins, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, über May Ayim, deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung und der Frauenbewegung
– Elvira Pichler, Kulturpolitische Sprecherin der grünen BVV-Fraktion, Vorsitzende des Kulturausschusses, über den Umbenennungsbeschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) und die politische Diskussion in der BVV
– Franz Schulz, grüner Bezirksbürgermeister, über den Ablauf des Umbenennungsverfahrens und seine Auswirkungen

Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg (BVV) hat am 27. Mai 2009 mit großer Mehrheit dem grünen Antrag auf Umbenennung des Kreuzberger Gröbenufer in May-Ayim-Ufer zugestimmt. Die Umbenennung soll voraussichtlich Ende 2009 vollzogen werden.

Dank einer von der grünen Fraktion beauftragten Expertise steht zweifelsfrei fest, dass das Gröbenufer nach dem ostpreußischen Major und Söldner Otto Friedrich von der Gröben (1657-1728) benannt ist.

Er galt im 19. Jh. und bis ins 20. Jh. hinein als Pionier des deutschen Kolonialismus. Im Jahre 1895, einer Zeit also, in der Kaiser Wilhelm II. ” und mit ihm viele Menschen und politische Parteien ” vom deutschen Reich als großer Kolonialmacht träumte, ehrte Wilhelm II. Otto von der Gröben mit der Uferbenennung. Mit der Ehrung von der Gröbens als erstem Kommandanten und Gründer der Festung Groß-Friedrichsburg an der Küste von Guinea (im heutigen Ghana) sollte in der Hochzeit des modernen Kolonialismus an jene “erhebende Epoche” Ende des 17. Jh. erinnert und angeknüpft werden, als Brandenburg erstmals koloniale Handelsstützpunkte in Afrika errichtet hatte. Die Brandenburger haben von 1683 bis 1717 nicht nur mit Gütern wie Gold, Getreide und Elfenbein gehandelt, sondern haben auch Menschen als Handelsware benutzt. Nach Schätzungen von HistorikerInnen sollen von den Brandenburgern tausende afrikanischer Männer, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft worden sein. Zehn Prozent der Versklavten sollen nicht einmal den Transport an den Bestimmungsort überlebt haben.

Sklavenhandel ist nach der UN-Resolution von Durban aus dem Jahr 2001 ein “Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das immer als solches hätte gelten sollen”. Kolonialismus, so heißt es dort weiter, hat zu Rassismus, zur Diskriminierung von Menschen aufgrund ethnischer Verschiedenheiten, zu Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz geführt.

Ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen hat als neue Namensgeberin für die Uferstraße May Ayim (geb. 1960 in Hamburg – gest. 1996 in Berlin-Kreuzberg), die afrodeutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der Schwarzen Bewegung in Deutschland und der Frauenbewegung vorgeschlagen.

May Ayim hat in ihren literarischen, wissenschaftlichen und politischen Arbeiten deutlich gemacht hat, dass Kolonialismus und Rassismus keine Themen der Vergangenheit sind, sondern zu den wirkmächtigsten und folgenschwersten historischen Hypotheken gehören, mit denen wir uns heute auseinanderzusetzen haben.

May Ayim, die Tochter einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters legte mit ihrer Diplomarbeit über die Geschichte schwarzer Menschen in Deutschland den Grundstein für das richtungsweisende Werk Farbe Bekennen ” Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Als eine von drei Autorinnen beschrieb Ayim ” im Jahr 1986 noch unter ihrem Geburtsnamen Opitz ” rassistische Phänomene, die vom Deutschen Kolonialismus über das “Dritte Reich” bis in die heutige deutsche Gesellschaft fortwirken. Damit gab sie einen wichtigen Impuls zur Auseinandersetzung mit diesen Kontinuitäten deutscher Geschichte und Gegenwart. Deren Manifestation im Alltagsrassismus, aber auch in kolonialen Straßennamen hat Ayim vielfach kritisiert. Sie war Gründungsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. An der Prägung und Einführung der Selbstbezeichnung afrodeutsch war sie maßgeblich beteiligt.

Mit der Umbenennung des Gröbenufers in May-Ayim-Ufer soll die Perspektive der Erinnerung umgekehrt werden: Nicht der Kolonialpionier wird geehrt, sondern eine Frau, die sich in ihrem Leben und Werk kritisch mit dem Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Rassismus auseinandergesetzt hat.

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V.
Greifswalder Straße 4
10405 Berlin

Fon 030-49 85 53 80
Fax 030-49 85 53 81
E-Mail: beratung{ät]ber-ev.de
Web: www.ber-ev.de

Vergangener Blog Eintrag dazu: http://blog.derbraunemob.info/2009/05/27/berlin-kreuzberg-re-naming-of-street-in-may-ayim-ufer-umbenennung-des-groebenufers-in-may-ayim-ufer/

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