Braune Karte für Theater Kampnagel und “Performance III” : Blackface

neue Entwicklung (21.4.2010):

Das Pressefoto mit Blackface wurde von der Tanzgruppe zurückgezogen. Eine öffentliche Entschuldigung ist noch nicht erfolgt.

*

Wenn Kulturbehörde und Kulturstiftung in einer deutschen Großstadt ein Tanztheaterstück fördern, dass sich tief rassistischer Darstellungspraxen bedient, hat diese Stadt etwas essentielles nicht verstanden.

Quelle: Kampnagel und Abendblatt Hamburg

<klick auf das Bild: Hardcoreblackface, sehr sehr große Triggerwarnung>

 

Dieses Tanztheater wurde unter anderem von der hamburger Behörde für Kultur, Sport und Medien sowie der hamburgischen Kulturstiftung gefördert.
Es wird im Theater “Kampnagel” aufgeführt. (Dazu ein Artikel im hamburger Abendblatt HIER.)

Kontakt (mit uns im cc):

mail@kampnagel.de
info@kulturstiftung-hh.de
– Behörde für Kultur, Sport und Medien, Dr. Sabine Blumenröder, Leitung des Büros der Senatorin und Persönliche Referentin:
sabine.blumenroeder@bksm.hamburg.de

*

Hier unser Schreiben, das den Negativ-Award, die braune Karte, erläuternd begleitet :

An:
Kampnagel Hamburg,
Jarrestraße 20
D-22303 Hamburg

cc Behörde für Kultur, Sport und Medien der Hansestadt Hamburg
cc Hamburgische Kulturstiftung
cc Hamburger Abendblatt

Hamburg, 15. April 2010

(…)

Hiermit verleihen wir Ihnen die Braune Karte 2010, mit der folgenden Begründung:

Wenn man liest, dass das Tanz- und Choreografie-Ensemble Jenny Beyer, Anja Müller und Christoph Leuenberger mit ihrer Performance “III” “einmal die eigene Farbe” wechseln und “in die fremde Haut eines Tanzkollegen schlüpfen und dessen Ausdrucks- und Bewegungssprache erforschen, aufmischen – und vielleicht auch etwas davon für sich klauen” will, horcht man auf. Sind Bewegungsformen der schwarzen Kultur nicht längst im Kanon des Modern Dance aufgegangen? Gibt es heutzutage nicht in jeder deutschen Kleinstadt Workshops für afrikanischen Tanz?
Beim Anblick des Pressefotos wird die böse Ahnung bestätigt: drei weiße Menschen in schwarzer Bemalung, die Lippen grellrot geschminkt, die Zähne fletschend, blicken dem Betrachter mit weit aufgerissenen Augen in grotesker Kostümierung entgegen. Blackface in Reinkultur!

Ob die drei Tänzer_innen sich mit ihrer Choreografie bewusst in die Tradition dieser zutiefst rassistischen Bühnenkultur einreihen, um diese satirisch zu überhöhen und mit Ironie zu brechen, wie ein Artikel im Hamburger Abendblatt andeutet, erübrigt sich.
Wer sich das Repräsentationsrecht Schwarzer Menschen aneignet und dabei auch noch auf Darstellungsformen zurückgreift, mit der Schwarze Menschen von angemalten Weißen seit jeher karikiert und lächerlich gemacht wurden, reproduziert überkommene Rassismen, verliert jede künstlerische Legitimation und erhält vom Braunen Mob die Braune Karte!

Wir erlauben uns anzumerken, dass eine Förderung rassistischer Darstellungstraditionen unangemessen und in hohem Maße diskriminierend ist.

Ihre Wissenslücken über die rassistische Darstellungstradition des Blackface können Sie unter anderem durch Lektüre des dazugehörigen Wikipedia-Artikels und seiner Links schließen: http://de.wikipedia.org/wiki/Blackface oder durch die Lektüre des beigefügten Briefes einer Diversity-Dozentin an die Choreografin.

gez.
Der braune Mob e.V.
Vorstand
— www.derbraunemob.info —

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation, Lehre und Aufklärung veröffentlichen.

*

Brief an die Choreografin, mit freundl. Genehmigung (deutsche Übersetzung unten):

*

* 360° of Diversity*

Dear Jenny,

I have been following this issue from afar (…) and have seen the Abendblatt article, Love Newkirk’s letter to you, as well as your response.

I must say I found your reaction disappointing in that it latches onto a singular apparent misinterpretation without (in my opinion) doing the larger context the justice it deserves.

*”/For a european eye/” and “/other forms of racial caricature which
are much less prominent in the European mind/.**”*

*While the idea of the minstrel show may well be something most common in an America context, the imagery of blackface chosen for your show is not singular to that particular phenomenon – and by no means, therefore, less hurtful, demeaning or misleading. This imagery of black people has it’s parallels in other societies as well. I would only quickly mention the British/Australian “golliwog” , the “sambo” as well as – to bring the matter closer to home – many clearly racist depictions of black people used during [and after] the Nazi era right here in Germany.

These images were circulated as yet another vehicle to more deeply penetrate National Socialist dogma by **further **dehumanizing people of African descent, as well as justifying the continued colonial subjugation of the African continent and its peoples. These are certainly images with which many older Germans (and anyone with insight into the era) are very familiar.

Most significant for me, however, is the seemingly total disregard for the opinions and feelings of the hundreds of thousands of people of African descent living in Germany today – some for only a number of years; others already for several generations – who must still deal on a day-to-day basis with everything from this type of “minor artistic misunderstanding” to the most heinous and flagrant types of racially induced oppression and violence. **Personally, I find it extremely difficult to believe that (…) there was no other imagery that contained an equally – if not superior (!) – reference to just the type of “alienation through diguise” to which the artists aspired.

By choosing to trivialize the responses you are receiving from people of African descent – not from America, mind you, but right here in Germany – you are continuing a cycle that renders us without a voice and “invisible” within the greater societal context. Our real thoughts, genuine feelings, personal opinions – our collective HISTORY – don’t seem to matter in comparison to the “artistic agenda” of select members of the Eurocentric population.

Is that really your message?

I actually don’t think so, but – as the old saying goes –
“actions speak louder than words”.

Sincerely,

Trina Roach

P.S. Maybe these tips I collected for an early blog post – **”Taking Advantage of A ‘Teachable Moment’ ” – can be helpful?

* * Immediately _acknowledge _criticism*
* * Take your critics and their criticism _seriously_*
* * Stop doing whatever is offensive. _ASAP_!*
* * Avoid the temptation to slip into “_auto-defense_” mode*
* * Seek _honest _dialogue with a representative group of your critics*
* * Apologize publicly. And in _earnest_*

*Trina E. Roach
Coach — Trainer — Consultant
The Leadership Consultancy
57413 Finnentrop
Germany*
Blog: www.creatingtomorrow2.wordpress.com

*

Übersetzung:
Reaktion zu „Black Face“ Dance Performance
von Trina Roach

Liebe Jenny,

Ich habe diese Angelegenheit aus der Distanz(…) verfolgt. Ich kenne den Artikel vom Abendblatt, die schriftliche Reaktion von Love Newkirk sowie deine Reaktion darauf.

Ehrlich gesagt finde ich deine Reaktion enttäuschend, da sie sich auf ein unterstelltes Missverständnis bezieht ohne (meiner Meinung nach) den größeren Kontext gebührend zu würdigen.

(aus Jennys Brief*: “Für das europäische Auge” und “andere Formen der racial Karikatur, die viel weniger prominent im Kopfe des Europäers sind” )

*Obwohl das Phänomen der sogenannten Minstrel-Shows im amerikanischen Kontexts bekannter gewesen sein mag, macht es deren Einsatz in der heutigen Zeit nicht weniger schmerzlich, entwürdigend oder irreführend. Blackface hat auch in anderen Ländern Entsprechungen.
Hier erwähne ich nur schnell den britischen/australischen “golliwog” und den “sambo” sowie – um die Sache wieder ein wenig mehr aus der Nähe zu betrachten – die vielen offen rassistischen Darstellungen schwarzer Menschen, die während des Nationalsozialismus hier in Deutschland verbreitet wurden und als ein Vehikel zur Verbreitung nationalsozialistischer Dogmen eingesetzt wurden, um Menschen afrikanischer Abstammung weiter zu **entmenschlichen** und die Fortsetzung der Unterwerfung des afrikanischen Kontinents sowie dessen Menschen zu rechtfertigen. Diese Darstellungen sind vielen älteren Deutschen (sowie diejenigen, die sich mit dieser Ära der Geschichte beschäftigen,) sehr wohl bekannt.

Am signifikantesten erscheint mir jedoch, die scheinbare Missachtung der Meinungen und Gefühle der mehreren hunderttausend Menschen afrikanischer Abstammung, die heute in Deutschland leben; manche seit nur einigen Jahren, andere bereits seit etlichen Generationen. Diese Menschen werden tagtäglich immer wieder konfrontiert mit dieser Art “nebensächlichem künstlerischen Missverständnisses” bis hin zu abscheulichster und ungeheuerlichster rassistischer Unterdrückung und Gewalt. Ich finde es unheimlich schwierig mir vorzustellen, dass du im Rahmen der reichen und vielfältigen Geschichte des Karnevals in Deutschland keine andere – gar bessere ! – Darstellungsform für die “Verfremdung durch Verkleidung” hast finden können, die von den KünstlerInnen angestrebt wurde.

Indem du die Reaktionen der Menschen afrikanischer Abstammung – nicht aus Amerika, sondern direkt hier in Deutschland – trivialisierst, leistest du einem Zyklus Vorschub, der uns stimmlos und unsichtbar innerhalb des größeren gesellschaftlichen Kontextes macht. Unsere eigene Gedanken, unsere authentischen Gefühle, unsere persönlichen Meinungen – unsere kollektive GESCHICHTE – erscheinen somit unwichtig im Vergleich zu deiner “künstlerischen Agenda”.

Ist das wirklich deine Botschaft?

Ich glaube das eigentlich nicht, aber – wie es so schön heißt – sprechen Taten lauter als Worte.

9 replies
  1. Anne
    Anne says:

    Was zum Teufel geht in diesen kranken Köpfen nur vor???
    Vorallem warum machen die Tänzer da überhaupt mit?

  2. tom
    tom says:

    Mein Schreiben an Kampnagel:

    ich bin entsetzt was ich über den npd-blog erfahren musste.

    http://npd-blog.info/2010/04/16/braune-karte-100/

    Das Kann doch wohl nicht ihr ernst sein solch rassistische Tradition auch noch in einer mit öffentlichen Geldern subventionierten Anstalt wieder aufleben zu lassen.

    Nicht in meinem Namen.
    Das sie ihr Programm so unreflektiert aussuchen erschrickt mich.
    Ich werde vorerst keine Veranstaltungen mehr bei Kampnagel besuchen und in meinem Umfeld auf diesen Fehlgriff aufmerksam machen.

    Eine öffentliche Entschuldigung halte ich für angebracht. Aber bitte verschonen sie uns alle mit Erklärungsversuchen.

  3. der typ in der dritten reihe
    der typ in der dritten reihe says:

    das Bild zeigt wohl eher eine groteske Überzeichnung rassistischer Stereotype, als eine ernsthafte Reproduktion dieser und kann damit auch effektiv dekonstruierend angelegt und wirkend sein.

    ich kenne das stück und die intention der künsterlInnen nicht und das Gerede von “fremde[r] Ausdrucks- und Bewegungssprache” ist mindestens hochsuspekt, aber ich hoffe die VerleiherInnen der ‘Braunen Karte’ haben das in Betracht gezogen.

  4. Mssandra
    Mssandra says:

    @dertyp: dem liegt der Irrtum zugrunde, dass die Reproduktion von Rassismen seitens Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft Rassismen dekonstruieren kann. Kann sie aber nicht.

  5. Lomi
    Lomi says:

    Ich kann mich dem nur anschließen. Wie kann es sein, dass solche Aktionen und Produktionen in der heutigen Gesellschaft geduldet werden. Ich finde es ja schon rassistisch genug, wenn die Jecken sich beim Karnevalszug als Schwarze verkleiden, angepinselt mit schwarzer Farbe und in Strohröckchen gewickelt.

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  1. […] ist…“ versucht zu erläutern. Weitere gute Argumente finden sich im Artikel „Braune Karte für Theater Kampnagel und “Performance III”“ des Braune Mob e.V.s, wo eine andere Theaterproduktion kritisiert […]

  2. […] the bodies who granted the subsidies and the newspaper that published the above photo their “brown card“. This “award” is given to underline not only their lack of initial sensitivity […]

  3. […] auch: Homepage des “Braunen Mobs“, Interview mit Noah Sow – “Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer”, […]

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