Phoenix e.V. ist nationaler Preisträger des Aachener Friedenspreises 2010!

Der Duisburger Verein Phoenix e.V. (www.phoenix-ev.org) , vertreten durch Austen Peter Brandt, tritt unter anderem mit fundierten Workshops für eine Kultur der Verständigung ein.
Am 1. September wird die Preisverleihung in Aachen stattfinden.

Der braune mob e.V. gratuliert herzlich!

Hier der offizelle Text aus der Pressekonferenz zur Preisbekanntgabe:

Phoenix e.V. ist eine Initiative zur Überwindung bzw. nachhaltigen
Verringerung des Rassismus. Dabei setzt Phoenix sowohl auf der
individuellen, biographischen als auch auf der strukturellen,
gesellschaftlichen Ebene an. Phoenix ist eine Initiative von unten her
und wurde 1993 von dem schwarzen Deutschen Austen Peter Brandt
gegründet. Die Wurzeln reichen allerdings weiter zurück.

Im Jahr 1979 kam es zur ersten Begegnung zwischen der schwarzen britischen
Anti-Rassismus-Trainerin Sybil Phoenix und Austen P. Brandt. Nach einer
mehrjährigen Ausbildung wurden ab 1988 die ersten
Anti-Rassismus-Trainings nach englischem Vorbild in der BRD
durchgeführt. Ein Zusammenschluss ehemaliger Trainings-Teilnehmer führte
1993 zur Gründung der Gruppe Phoenix, die dann 1996 als Verein
eingetragen wurde.

Sybil Theodora Phoenix wurde am 21.06.1927 in Georgetown in
British-Guayana geboren. Seit 1956 lebt sie in England. Dort machte sie
als Schwarze von Anfang an rassistische Erfahrungen. Dies bewog sie,
sich aktiv für die Rechte von Menschen einzusetzen, die aufgrund ihrer
Hautfarbe diskriminiert werden. Sie gründete ein Jugendzentrum für
schwarze und weiße Jugendliche, das 1977 durch Mitglieder der “National
Front” abgebrannt wurde. “Wie ein Phoenix aus der Asche” entstand ein
neues Zentrum, das im März 1981 in Anwesenheit von Prinz Charles
eröffnet wurde.

Entgegennehmen wird den nationalen Aachener Friedenspreis 2010 der
Gründer und Vorsitzende von Phoenix e.V. Austen Peter Brandt. Der
verheiratete Vater von drei Kindern lebt und arbeitet als evangelischer
Pfarrer in Duisburg. Geboren am 01.12.1952 in London, wuchs er von
seinem zweiten Lebensjahr an in Essen auf. Später vertiefte sich der
Kontakt zu dem nigerianischen Teil seiner Familie. Durch zahlreiche
Auslandsreisen innerhalb von Europa, Afrika und Asien machte er
Erfahrungen mit verschiedenen Kulturen, Formen des interkulturellen
Zusammenlebens und mit verschiedenen Strategien gegen Rassismus.

Das anti-rassistische Engagement von Phoenix e.V. beginnt in den
Trainings mit Aufklärung und Bildung und wird darüber hinaus getragen
von MultiplikatorInnen in vielen Städten und Regionen der BRD. Menschen
mit Wurzeln aus mehr als dreißig Ländern zählen zu den Mitgliedern von
Phoenix. Aufgrund ihrer Erfahrungen im Überbrücken von Sprachgrenzen,
kulturellen und religiösen Barrieren werden sie in der
Phoenix-Terminologie als “Brückenmenschen” bezeichnet. Im
Anti-Rassismus-Training richten Mitglieder der weißen
Mehrheitsgesellschaft ihren Blick auf die Geschichte und die Mechanismen
des Rassismus, auf anti-rassistische Strategien und die eigene Prägung
durch den Rassismus. Biographische Arbeit, Rollenspiele, Informationen,
Einzel- und Gruppenarbeiten zum Thema Rassismus stehen auf dem
Trainingsprogramm. Die Teilnehmenden sollen ermutigt werden, das eigene
vom Rassismus geprägte Selbstbewusstsein kritisch zu betrachten, ohne
dass dabei mit den Kategorien Schuld und Betroffenheit gearbeitet wird.
Das Training baut die Teilnehmenden auf und hilft ihnen, das kleine
(individuell, biographische) und das große (gesellschaftliche,
strukturelle) Geflecht des Rassismus zu erkennen und sich die Frage zu
stellen: Wer bin ich als Weiße? Wer bin ich als Weißer? Die Ergebnisse
der Critical Whiteness Studies aus dem US-amerikanischen und dem
englischen Raum fanden erst in den letzten Jahren ihren Weg in die
deutschen Universitäten. In den Phoenix-Trainings gehören die Fragen
nach der Konstruktion von “Rasse” und nach einer sogenannten Weißen
Identität ohne “Rasse” seit 1993 zum Trainingsinhalt. Rassismus gibt es
— menschliche “Rassen” nicht.

Noch immer finden sich in den Lehrplänen von Schulen, in Biologiebüchern
und den Köpfen von LehrerInnen und ErzieherInnen Bilder und Texte für
die längst widerlegte These von der Einteilung der Menschen in “Rassen”
und “Rassenkreise”. Phoenix e.V. fordert mit vielen anderen, z.B. dem
Deutschen Institut für Menschenrechte, den Begriff “Rasse” im
Grundgesetz zu streichen und setzt sich für die Streichung der
unsäglichen und wissenschaftlich überholten Einteilung der Menschen in
“Rassen” und “Rassenkreise” aus Schulbüchern und Curricula des Faches
Biologie ein.

Ein weiterer zentraler Baustein der Phoenix-Vereinsarbeit ist die
Organisation und Durchführung von Empowerment-Trainings. Diese richten
sich an Menschen, die in Deutschland Erfahrungen von Rassismus machen.
Unter den Teilnehmenden finden sich Schwarze Deutsche, MigrantInnen,
AsylbewerberInnen und Flüchtlinge. In unserer Gesellschaft erleiden sie
Rassismus in verschiedener Form, verschiedener Intensität und in
verschiedener Ausprägung. Doch gleich ist der Grund für die
Diskriminierung: die dunklere Hautfarbe. Der Anteil dieser Menschen in
unserer Gesellschaft wird größer und die Bedrohung durch rassistische
Angriffe steigt. Auch der alltägliche Rassismus hat eine enorme
Bedeutung für das Leben hier. Er beginnt oft bereits in Kindergarten und
Schule. Offene Abgrenzung und Ausgrenzung, Schimpfworte und
Gewalterfahrungen begleiten Kinder mit dunkler Hautfarbe oder
vermeintlich nicht-deutschen Eltern vielfach während der gesamten
Schulzeit. Deshalb gehören auch die Beratung und Begleitung von Opfern
rassistischer Gewalt zu den Angeboten und selbst gestellten Aufgaben von
Phoenix e.V..

Über die Trainings- und Beratungsangebote hinaus engagiert sich Phoenix
in vielfältigen Zusammenhängen und mit verschiedenen BündnispartnerInnen
gegen den alltäglichen, strukturellen und organisierten Rassismus und
Rechtsextremismus in Deutschland und beteiligt sich an Protesten und
Aktionen gegen “Pro NRW”, NPD und anderen Neonazi-Provokationen, gegen
die Leugnung rassistischer Gewalt und für Projekte eines
gleichberechtigten interkulturellen Zusammenlebens. Dazu gehört auch der
interreligiöse Dialog. Als in Duisburg-Marxloh Deutschlands größte
Moschee entstand, entwickelte sich zwischen Phoenix e.V., der
Moscheegemeinde und dem Verein für die Begegnungsstätte ein intensiver
Austausch. Zuletzt wurde Phoenix e.V. im Rahmen der Gegendemonstration
gegen den Aufmarsch von NPD und “Pro NRW” im März 2010 in
Duisburg-Marxloh aktiv.

Seit dem Jahr 2000 ist Phoenix e.V. auch im Land Brandenburg aktiv. Dort
bedrohte die NPD in Fürstenwalde ein von Phoenix durchgeführtes Seminar.
Der NPD-Pressesprecher Klaus Beier erklärte, dass das Seminar
“deutschfeindlich” sei, weil Deutsche nur weiß sein könnten. Dies
erinnert an die rassistischen NPD-Plakate zur Fußball-WM in Deutschland
mit der Hetzparole “Für eine weiße Nationalmannschaft”.

Der AFP hält die Arbeit von Phoenix e.V. für äußerst notwendig, da
Rassismus einer der weitgehend unaufgearbeiteten konstitutiven Faktoren
der gesellschaftlichen Realität in Deutschland und Europa ist. Mit der
Preisverleihung an Phoenix e.V. will der AFP mit dazu beitragen, dass
der Rassismus aus der Tabuzone befreit wird. Ein gemeinsames Ziel von
Preisgeber und Preisträger besteht darin, reflektierte Schritte gegen
den Rassismus zu unternehmen und Energie einzusetzen im Aufbau von
anti-rassistischen Strategien und Strukturen. Frieden innerhalb einer
Gesellschaft kann nur in dem Maße gelingen und verwirklicht werden, in
dem Rassismus und jede andere Form der Ausgrenzung und
Ungleichheitsideologie überwunden werden.

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  1. […] Trainings werden durchgeführt von Schwarzen Trainer_innen des Vereins Phoenix e.V. , der 2010 den Aachener Friedenspreis gewonnen […]

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