Schwarz plus weiß gleich “sexualpädagogische Herausforderung”??

Pro Familia Bayern hat eine Broschüre herausgegeben, deren Cover zumindest mißverständlich illustriert ist.

Zu sehen ist ein Pärchen: weißer junger Mann und Schwarze junge Frau, untertitelt u.a.:

Neue Herausforderungen in der Sexualpädagogik“.

*

© pro familia bayern

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Zusendung von G.

To: lv.bayern@profamilia.de
Sent: Thu, May 13, 2010 1:44:21 PM
Subject: Faltblatt “Neue Medien – Neue Herausforderungen in der Sexualpädagogik”

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich vorausschicken, dass ich die jahrzehntelange Arbeit von Pro Familia für extrem wichtig und erfolgreich halte. Pro Familia ist ohne Zweifel eine verdienstvolle Organisation in den Bereichen Sexualpädagogik, – beratung etc etc etc.

Zum eigentlichen Anliegen: Vor kurzem bekam ich Ihr Faltblatt “Neue Medien – Neue Herausforderungen in der Sexualpädagogik” in die Hände. Dessen Titelseite finden Sie im Anhang. Und eben diese Titelseite finde ich verstörend. Im Grunde habe ich dazu nur eine Frage: was haben Sie sich dabei gedacht? Welche Information, welchen Kontext soll der Leser aus dem Betrachten der Titelseite ziehen?
Ich habe mir die meisten Ihrer anderen Broschüren, die zum Download angeboten werden, durchgesehen. Allesamt waren sie passend und völlig unproblematisch illustriert. Diese aber leider nicht.
Es geht um neue Medien, um Gefahren für Jugendliche, um die Herausforderungen, die dies an die Sexualpädagogik stellt. Sie illustrieren dieses Thema mit dem Foto eines jugendlichen Pärchens. Was soll dieses Foto mit dem Thema “Neue Medien” zu tun haben? Und noch viel schlimmer, weil vermutlich völlig unbedacht (oder doch nicht?): weshalb musste das Mädchen auf dem Foto ausgerechnet Schwarz sein?
Ich kann mir vorstellen, dass dieses Foto ein Ausdruck von Aufgeschlossenheit oder “Akzeptanz” sein soll. Vielleicht wollten Sie uns ja nur mitteilen, dass Sie sehen, dass junge Paare in Deutschland nicht nur Weiß sind. Im Grunde gar nicht schlecht, aber in diesem Fall ist das leider ein Fall von gut gemeint, aber voll daneben.
Wie gesagt, das Foto an sich hat offenbar nichts mit dem Thema zu tun. Was Sie aber (hoffentlich) unbewusst geschafft haben, ist die scheinbar nie enden wollende, stereotypische Verbindung von Schwarzen und Sexualität. Eigentlich müssten Sie doch auch aus Ihrer eigenen Arbeit wissen, wie vorurteilsüberladen dieses Thema ist. Ich denke nicht, dass Sie die junge Dame auf dem Foto als die “neue Herausforderung” definieren wollen, oder sexuelle Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Also noch einmal die Frage: was haben Sie sich bei diesem Titelfoto gedacht? Warum sehen wir keinen Computer, keine Illustration, die irgend etwas mit Medien zu tun hat? Und erkennen Sie wirklich nicht, wie problematisch die Titelseite in ihrer vorliegenden Form ist?

Mit freundlichen Grüßen

G. [name der Red. bekannt]

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von mir öffentlich geführt wird, und ich dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen werde.

6 replies
  1. Jo
    Jo says:

    Deutschlands reales Gesicht nicht zu ignorieren, kann schon helfen. Allerdings nicht, wenn “Multikulti” immer NUR im Zusammenhang mit Sex oder Sport oder Karneval aus der Schublade gezaubert wird. Würde mich mal interessieren, ob die anderen Pro Familia Blätter bisher jemals eine Person of color gezeigt haben. Wenn nicht, wäre es langsam Zeit, aber bitte ohne Hinweis auf “besondere Herausforderungen”. Ich denke, es war ein Versehen, aber das ist für das öffentliche Image ja leider egal.

  2. woschinski
    woschinski says:

    @Jo, andere Pro Familia Materialien sind gut gemacht, gut illustriert und zeigen durchaus auch PoC. Diese anderen Broschüren sind aber von Pro Familia Deutschland herausgegeben, nicht von einem Landesverband, und viel professioneller gestaltet. Ich denke auch, dass dieses “Neue Medien” Blatt einfach ein Ausrutscher war, aber vorher Denken hilft doch oft.

  3. Nebelleuchte
    Nebelleuchte says:

    Ja typisch :S ..

    ..als wäre dieses Thema erstens so neu und zweitens als hätten andere keine “Probleme”..

    Verstehe nur: Vorsicht Finger weg von PoC und alle Anderen, die nicht zur visuellen Minderheit gehören, kriegen einen “Freipass” (sich zu vermehren)!

    ..oder zählen nicht alle Familien als Familien – was wollen die aussagen?

    “Vielen Dank” auch “PRO” Familia Bayern

  4. Nebelleuchte
    Nebelleuchte says:

    Naja, bin nicht so davon überzeugt, dass das ein Versehen war! Denn immerhin kostet so eine Broschüre viel Geld.

    Das war eine Marketingbroschüre (solche Broschüren werden nicht an einem Tag entwickelt und haben nicht nur ein Motiv zur Auswahl), die aussagt, wie die Leute Denken, auch wenn sie es gut Meinen mögen, entspricht das wohl doch eher der Art zu denken, weshalb der Denkfehler (Ausrutscher) nicht aufgefallen ist, weil die Leute gar nicht verstehen, was sie, wenn auch versehentlich, damit aussagen!

    Wie das oft vorkommt bei unseren hochbezahlten Entscheidungträgern und Meinungsbildern..

  5. woschinski
    woschinski says:

    So, und jetzt möchte ich mich selbst korrigieren. Ich hatte das Blättchen einen “Ausrutscher” genannt. Da stimme ich mir selbst nicht mehr zu.
    Ausrutscher, nein, das war das falsche Wort. Nebelleuchte hat wohl recht: die Macher dieses Papierchens verstehen gar nicht, welchen Zusammenhang sie mit dieser Bild+Text-Kombination konstruieren. Deshalb ist es auch kein Ausrutscher sondern die folgerichtige Konsequenz dieses Mangels an Nachdenken.
    Ach ja, nebenbei, diese Einsendung war von mir. Und ich bin gespannt, ob sich von ProFamilia jemand bei mir melden wird.

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