Kammeroper Köln: Afroperücke für Bösewicht in Mozart-Kinderoper angeblich “am Original geblieben”

Eine Zuschauerin des kölner Kindertheaterstücks die kleine Zauberflöte hatte sich bei Produktions- und Regieverantwortlichen der Kammeroper Köln in einem offenen Brief darüber beschwert, dass die spezielle Art der Inszenierung des ‘Bösewichts’ Monostratos minstrel-artige Züge trage und zu einer Dämonisierung Schwarzer Menschen schon bei kleinen Kindern geeignet sei.

Die Antwort der Dirigentin auf diesen Brief ist erschütternd – und sagenhaft stereotyp. Ein Lehrstück in reflexartiger Abwehr gegen antirassistische Forderungen (und -Nachhilfe) *

Das Stück wird “empfohlen ab 5 Jahren”.
Wir empfehlen ausführliches Feedback, da es sich um Inszenierungen im öffentlichen Raum handelt und Kultur Kinder nachhaltig prägt.

Kontakte (mit uns im cc):

info(ät)kammeroper-koeln.de
chefdirigentin(ät)kammeroper-koeln.de
intendanz (ät) kammeroper-koeln.de
buero(ät)kammeroper-koeln.de
oberspielleiter(ät)kammeroper-koeln.de

->klick für eine Mail an ALLE diese Adressen im cc

initialer Beschwerdebrief:

Sehr geehrte Frau Hisberg,

sehr geehrter Herr Wenzel,

sehr geehrte Damen und Herren,

heute habe ich mir mit meiner 4-jährigen Tochter “Die kleine Zauberflöte” angeschaut.

Mit Freude, bis – ja, bis der Bösewicht Monostatos im Afro-Look auf die Bühne trat.

Die Verkörperung des Bösen in schwarz zu kleiden ist eine übliche und tradierte Vorgehensweise der abendländischen darstellenden Kunst.

Indem Sie die Figur zusätzlich aber mit einer Afro-Perücke und “cooler” Sonnenbrille ausstatten (um insoweit bei der Original-Mozart-Fassung einer dunkelhäutigen Figur zu bleiben?), sie außerdem mit Merkmalen versehen, die man Schwarzen Menschen gerne andichtet (tanzen, flapsig und auf keinen Fall ernsthaft sein), personifizieren Sie rassistische Darstellungen der westlichen Welt und bedienen die Klischees eines offensichtlich zeitgenössischen kolonialistischen Zeitgeistes: der Schwarze Bösewicht misshandelt auch heute noch die schöne Weiße unschuldige Prinzessin.

Eine kritische zeitgenössische Auseinandersetzung wäre hier wünschenswert gewesen.

Nachdem Monostatos die Bühne betrat, fing das kleine Mädchen hinter uns an zu weinen. Als ich mich besorgt umdrehte, half das nicht – im Gegenteil. Sie schaute mich mit großen Augen angstvoll an, denn ich bin Schwarz und habe einen Afro. Auch meine Tochter begegnete Ihrer Figur mit angstvoller Ablehnung.

Mit großem Entsetzen sehe ich, dass Sie ein rassistisches und v.a. böses Bild vom “Schwarzen Mann” zeichnen – nicht nur im Stück, sondern auch für das Bild von Welt, das Sie wahrscheinlich nicht nur diesen beiden kleinen Mädchen mit auf den Weg gegeben haben.

Ich bin bestürzt und in höchstem Maße irritiert.

Schade. Gerne hätte ich der nächsten Schulkindergeneration unseres Kindergartens eine Aufführung spendiert.

Bei aller Begeisterung für Ihr Projekt – das kann ich so leider nicht.

Mit der Bitte um Klärung,

Dipl.-Ing. Tazalika te Reh M.A.

Architektin

Köln

PS

Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt. Mein Schreiben sowie Ihre Antwort werde ich zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung der Organisation der braune mob e.V. zur Verfügung stellen. Ebenfalls werde ich beim zuständigen Jugandamt anregen, Ihre Inszenierung auf das Jugendschutzgesetz hin zu untersuchen, denn Ihre Inszenierung unterstützt rassistische Klischees.

#

Antwort der Dirigentin:

Am 27. Jul 2010 um 08:32 schrieb Inga Hilsberg (Kammeroper Köln) :

Sehr geehrte Frau te Reh,

mit Erstaunen habe ich Ihre Mail gelesen, deren Inhalt ich durchaus ernst nehme.

Allerdings: Wir haben die Oper von W.A. Mozart und seinem Textdichter E. Schickaneder interpretiert und sind an dem Original geblieben.
Eine Adaptierung in die Moderne erfolgt bei keinem unserer Werke, die Kinder sollen die Originale kennenlernen und nicht irgendwelche Verstümmelungen des modernen Regietheaters.

Diese Inszenierung haben bereits über 10.000 (!!!) begeisterte Besucher gesehen, bisher hat sich keiner in dieser Weise geäußert! Im Jahre 2009 war „Die Kleine Zauberflöte“ sogar für den Kölner Theaterpreis nominiert!

Ich lade ich Sie herzlich ein, ein persönliches Gespräch mit Ihnen und den beiden Vereinigungen (der braune Mob e.V. und Jugendamt) in Anwesenheit der Geschäftsführung der Kammeroper Köln, des Regisseures der „Kleinen Zauberflöte“ und des Kulturamtes Köln zu führen.

Zu Ihrer Information:
Bei der Kammeroper Köln sind derzeit über 20 Nationen beschäftigt – Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass gibt es im Theater nicht und bei uns schon gar nicht.

Zudem bin ich selber seit 10 Jahren glücklich mit einem Ausländer verheiratet – ich weiß, was Ausländerfeindlichkeit bedeutet!

Über eine Antwort Ihrerseits und einen regen Austausch mit Ihnen würde ich mich sehr freuen.

Beste Grüße aus Rodenkirchen
Ihre
Inga Hilsberg

Inga Hilsberg
Chefdirigentin

Kammeroper Köln
Kölner Symphoniker

Friedrich-Ebert-Str. 4
50996 Köln
Tel.: +49 221 240 86 07
mobil: +49 177 220 47 51
Fax: +49 221 240 86 08


Antwort der Kritikführenden:

Sehr geehrte Frau Hilsberg,

vielen Dank für Ihre Erläuterungen, die mir den Erfolg der “Kleinen Zauberflöte” und die Unmöglichkeit von Diskriminierung im Theater an sich und im Kölner Theater im Speziellen darlegen.
Ihre Antwort macht mich fassungslos.

Ihre Unkenntnis schützt Sie vor Kritik jedoch nicht.
Jede Zeit hat ihren Geist: Das 18. Jahrhundert, in dem Mozarts Zauberflöte entstand, mit den Ideen der Aufklärung und das Heute mit den Erkenntnissen und Errungenschaften aus der postkolonialen Aufarbeitung ebendieses Zeitalters der Aufklärung.
Inwieweit es sich bei der “Kleinen Zauberflöte” wie der Titel suggeriert nun um ein Verstümmelung des Originals handelt oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass die Figur des Monostatos in Ihrer Inszenierung mit Attributen ausgestattet ist, die rassistische Klischees bedient. Die Verstümmelung liegt hier meines Erachtens in der verpassten Chance einer nach heutigen Maßstäben aufgeklärten und damit zeitgeistigen Interpretation des “Monostatos”. Es wäre einfach gewesen, Experten zu diesem Thema zu fragen – und damit meine ich nicht die zahlreichen ForscherInnen an den Hochschulen dieser Nation oder Publizisten – sondern die Menschen, die Schwarz sind. Es gibt sie in Köln-Rodenkirchen (das weiß ich, da ich dort aufgewachsen bin), es gibt sie in ganz Köln und es gibt sie in ganz Deutschland. Sie kennen möglicherweise auch welche.

Die 20 Nationen im Kölner Theater und Ihre glückliche Ehe mit einem Ausländer sind, denke ich, keine Garanten für klischee-freie und nicht-kolonial-tradierte künstlerische Darstellungen.
Ihre Verwendung der Begriffe Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass in diesem Kontext ist interessant.
Wer Schwarz ist, kommt nicht logischerweise aus dem Ausland. Er gehört in jedem Fall zur Rasse, besser: Art, des Homo sapiens und hasst diese auch nicht.
Ich wiederhole daher: Ihre Unkenntnis schützt Sie vor dieser Kritik nicht.

Es kategorisch auszuschließen, dass es deutlich lesbare tendenziöse Bilder im Ihrem Stück gibt und diese eine prägende und damit schädigende Wirkung auf Ihre sehr junge (!) Zielgruppe haben, finde ich ignorant und fatal. Die “Kleine Zauberflöte” empfehle ich in keinem Fall weiter.

Es schreibt Ihnen daher zutiefst empört,

Dipl.-Ing. Tazalika te Reh M.A.
Architektin
Köln

PS Mozart, der übrigens heute seinen 228. Hochzeitstag gehabt hätte, hätte heute (also gut 200 Jahre später) mit großer Sicherheit eine dem zeitgenössischen Geist entsprungene Erklärung dafür, warum der Böse im Stück ein Schwarzer Mann in schwarzem Ledermantel mit dunkler Sonnenbrille sein muss, den kleine Kinder, wenn sie seinem realen Bild auf der Straße begegnen, fürchten – oder warum er es eben nicht sein muss.
Dieser Schriftwechsel wird von mir öffentlich geführt.

*

Die Abwehr-Klassiker im Schnelldurchlauf:

– auf die Kritik inhaltlich nicht eingehen, sie gar nicht erst zulassen (‘dismissal’)

– ohne entsprechende Ausbildung die Deutungshoheit darüber haben wollen, was rassistisch oder diskriminierend sei

– finden, dass die Kritik inhaltlich nicht berücksichtigt werden muss weil dies angeblich das erste kritische Feedback zur Sache sei (Ergo wäre jede Kritik unrichtig, die zum ersten mal geäußert wird – und damit jede.)

– Weigerung, sich aus professionellen Gründen mit der Geschichte weißer Dominanzpräsentationen und kolonialen Darstellungstraditionen im eigenen Fach auseinanderzusetzen

– einen verliehenen Preis als Anlass dafür betrachten, die Aufforderung zur diskriminierungsfreien Inszenierung abzutun

– eigene Liebesgeschichten als Ersatz betrachten für eine fachlich valide Auseinandersetzung mit weißem Privileg und dominanten kolonialen Darstellungstraditionen (Zitat aus ‘Liste dummer Sprüche’: “Ganz im Ernst. Wenn mit jemandem zu schlafen oder verwandt zu sein die Garantie für vorurteilsfreien Umgang ohne Unterdrückung wäre …. gäbe es keinen Sexismus! Keine zerstückelten Ehemänner in Kühltruhen, Geschwister, die sich um ihr Erbe kloppen, Kinder, die verbittert den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, oder den Impuls, das Auto der/des Ex anzuzünden.”)

– Nicht wissen, was der Unterschied zwischen Rassismus und ‘Ausländerfeindlichkeit’ ist. Von ‘Ausländerfeindlichkeit’ sprechen wenn davon gar nicht die Rede ist (‘derailing’).

– Phantasmen. Hier: man sei bei einer Inszenierung von Mozart “am Original geblieben” (durch die Verwendung von Afroperücke und Sonnenbrille – und in Abwesenheit einer Videoaufzeichnung von Mozarts eigener Inszenierung). Die Inszenierung mit Afroperücke sei “original”, andere Inszenierungen womöglich “Verstümmelungen”.

– bezüglich der Kritik an Aufführungen, die den Vorwurf auf sich ziehen, nicht diskriminierungsfrei zu sein, und die im öffentlichen Raum stattfinden, ein persönliches Gespräch vorzuschlagen.

*

Und hier ein paar Links zum Themenfeld “Privileg” und “weiße Sozialisierung”, eingeleitet von einem Zitat aus dem “racismreview”-Blog:

Many whites, even white anti-racists, want to place themselves at the heroic center of any narrative about racism or equate their experiences with those of people of color, and thus misunderstand the asymmetry of racism.
Part of how white supremacy works is that whites must configure themselves as the center of a heroic narrative. In the Sharpton-Thurmond history, there”s simply no way for the Thurmond family to configure themselves as heroic, so they deny the story”s veracity and refuse comment.
The asymmetry of racism reflects the unequal power relationships in our society. The challenge for those of us interested in creating change is finding a way to get whites to acknowledge systemic racism without configuring themselves as heroic, central figures or equating their experience with that of people of color. What this requires is for white people to work in coalition with people of color and to listen to the experiences of racial discrimination that people who bear the unequal burden of systemic racism without trying to take center stage.

Links:

White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack by Peggy McIntosh
http://www.case.edu/president/aaction/UnpackingTheKnapsack.pdf

Do all white people have white privilege? Why?
http://restructure.wordpress.com/2008/02/21/do-all-white-people-have-white-privilege-why/

How Not To Be Insane When Accused Of Racism (A Guide For White People)
http://www.amptoons.com/blog/archives/2005/12/02/how-not-to-be-insane-when-accused-of-racism/

suffer from a privilege-induced lack of coping skills
http://stuffwhitepeopledo.blogspot.com/2008/10/suffer-from-privilege-induced-lack-of.html

The White Collective (a blinding glimpse of the obvious)
http://illvox.org/2007/06/the-white-collective-a-blinding-glimpse-of-the-obvious/

Ten misunderstandings white liberals have about race.
http://www.alternet.org/story/71290/

derailing for dummies – A simple, step-by-step guide to derailing awkward conversations by dismissing and trivialising your opposition’s perspective and experience.
http://www.derailingfordummies.com/

Racismreview-Blog
http://www.racismreview.com/blog/

oder wenn’s auf deutsch sein muss:

weiß-sein und Privileg
http://copyriot.com/diskus//03_04/01_weiss.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Weißsein
http://zmag.de/artikel/Die-Aengste-von-weissen-Menschen

born to be white
http://sic.feminismus.at/johcgi/sic/TCgi.cgi?target=HOME&Param_Archiv&Param_Issue=11&Param_Artikel=165

Weißsein und Immunisierung – Zur Unterscheidung zwischen Norm und Normalisierung; Isabell Lorey
http://translate.eipcp.net/transversal/1107/lorey/de

5 replies
  1. TheGurkenkaiser
    TheGurkenkaiser says:

    Ich verstehe nicht, warum die bei der Inszenierung keine Schilder hochhalten wo draufsteht: “An diesem Theater arbeiten Menschen aus 20 Nationen. Und: Die Regiesseurin ist mit einem Ausländer verheiratet!”

    Denn wenn diese Fakten Teil des Stückes selbst sein sollen, also in die Lesart mit einfließen sollen, muss man das ja wissen!

  2. Lena Amboshi
    Lena Amboshi says:

    Es ist schockierend, dass man Rassismus schon im Kindertheater vorgeführt bekommt. Ich bin gerade Mutter geworden und es ist mehr als anstrengend, vorab alles “zensieren” zu müssen, bevor es beim Nachwuchs in irgendeiner negativer Weise anschlägt. Chapeau an Tazalika te Reh. Welch Kraftaufwand, ständig zu erklären. Traurig… und schade, dass sich offensichtlich nur PoC darüber Gedanken machen müssen.
    Auch die Antwort von Frau Hilsberg ist mal wieder sehr bezeichnend und arrogant und steht, so finde ich, stellvertretend für alles, was bei diesem Problem aus dem weißen Blickwinkel falsch läuft.

    Ich wünsche weiterhin viel Kraft!
    Auch ich bin täglich am Kämpfen und wünsche uns allen Energie und Biß !

  3. TL
    TL says:

    Reproduktion von rassistischen Bildern in der kleinen Zauberflöte

    Sehr geehrte Frau Hilsberg, sehr geehrter Herr Wenzel, sehr geehrte Damen und Herren,

    auf der Seite der Organisation “der braune mob e.V.” habe ich gelesen, dass Sie in der Inszenierung der kleinen Zauberflöte nicht darauf verzichten, rassistische Klischees zur Darstellung der Figur des Monostatos zu wählen. Darüber hinaus habe ich die Antwort von Frau Hilsberg auf die Bedenken einer Besucherin Ihres Hauses zur Kenntnis genommen, bei der es mir so scheint, dass sie die Kritik der Schreiberin – anders als behauptet – gerade nicht ernst nimmt.

    Folgende Fragen sind mir gekommen:
    Was spricht dafür mehr Wert darauf zu legen, dass eine Inszenierung „an dem Original“ bleibt wenn dieses Original auf rassistische Klischees zurück greift, als sich für eine Inszenierung zu entscheiden, die frei von Diskriminierung und Verletzungsrisiken ist?
    Warum nehmen Sie diese Verletzungen und die Reproduktion von Rassismus in Kauf?
    Warum sollten 10000 (vermutlich überwiegend weiße) schweigende ZuschauerInnen und ein Theaterpreis Argumente dafür sein, dass es angemessen ist, Rassismus in Kauf zu nehmen? Oder wollten Sie damit sagen, Frau te Reh hat mit Ihrer Position unrecht oder ist zu empfindlich?
    Wie kommen Sie auf einmal auf Ausländerfeindlichkeit, wenn von rassistischen Bildern die Rede ist? Und wieso sollten eine Hochzeit und Menschen aus 20 Nationen rassistische Bilder weniger rassistisch machen?

    Mir erscheinen Ihre leichtfertige Reproduktion von rassistischen Bildern und Ihr Umgang mit Kritik äußerst unverantwortlich!

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