Nichts dazu gelernt – “Afrikanische Nacht” im Zoo Eberswalde – Ein Brief an die Vertreterin der Veranstalter

Alle Jahre wieder?

Nachdem wir bereits im letzten Jahr einen Beitrag zur unsäglichen Veranstaltung im Zoo Eberswalde veröffentlicht haben, ist dies aus gegebenem Anlass wieder nötig, da am 30. Juli 2011 erneut eine “Afrikanische Nacht” veranstaltet wird.

Hier ein Brief an die Sprecherin des veranstaltenden Vereins Freundeskreis Gesundheit für Ombili Berlin-Brandenburg e. V.:

“Sehr geehrte Frau Dr. von Versen,

ich begrüße es sehr, dass Sie sich für einen guten Zweck einsetzen und diesen mit Spenden unterstützen möchten.

Dies möchten Sie anscheinend unter anderem erreichen, indem Sie den Europäern und insbesondere den Eberswaldern die “afrikanische Live-Musik”, die “afrikanischen Speisen” und “afrikanische Frisuren und Schminken” näherbringen. Es wäre schön gewesen, wenn Sie Afrika nicht verallgemeinert und als ein Land mit der kulturellen Vielfalt und Größe z.B. Deutschlands dargestellt hätten. Wenn Sie ein bestimmtes Land bzw. einen bestimmten Ort darstellen möchten, würde es sich anbieten, diesen auch direkt zu benennen und nicht so zu tun, als würde Afrika aus 5 Menschen, die ihren Unterhalt mit dem Basteln von Körben und Trommeln verdienen, und ein paar wilden Tieren bestehen.

Hätten Sie sich besser über die koloniale Geschichte Deutschlands informiert und Ihre Planung dieser Veranstaltung überdacht, wäre Ihnen bewusst geworden, dass Sie sich auf die eingetretenen Pfade der Völkerschauen begeben haben. Es gibt viele Orte, an denen man Themenabende oder ähnliches stattfinden lassen kann, ein Zoo, wo Schwarze Menschen vom afrikanischen Kontinent direkt neben Tieren zur Belustigung geboten werden, ist eindeutig nicht der richtige Ort! Dies scheint Ihnen leider nicht bewusst zu sein.

Da mir bewusst ist, dass dies nicht die erste Beschwerde gegen Ihre Veranstaltung ist und ich erkennen muss, dass Sie bis jetzt nicht dazu gelernt haben, biete ich Ihnen eine neue Denkrichtung an: Wäre es praktisch möglich, weiße Europäer, die traditionelle “europäische Speisen” und “europäische Musik” anbieten, in einem Zoo in z.B. Nigeria zu platzieren und als Werbespruch “Wecken Sie die Elche” zu verwenden?

Mit freundlichsten Grüßen,

Tyrone Smith

Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt. Mein Schreiben sowie Ihre Antwort werde ich zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.”

(Ergänzung: Dieser Vergleich greift im Bezug auf den kolonialen, rassistischen, entwürdigenden Aspekt der Völkerschauen zu kurz, macht aber, wie erwünscht, die fälschliche Kleinhaltung des afrikanischen Kontinents deutlich. Es ist z.B. nicht möglich von “traditionell-afrikanischer Musik” im Allgemeinen zu sprechen, genauso wenig wie man von “traditionell-europäischer Musik” spricht. Anm. der Red.)

7 replies
  1. Marita
    Marita says:

    Liebe Leute!
    Als Weiße Frau und Mutter zweier Schwarzer Kinder erkenne ich zunehmend die Wichtigkeit von a) Aufklärung und Bewußtseinsbildung in Sachen Weißsein und seiner destruktiven Auswirkungen, aber auch b) dem Aufzeigen von Alternativen.
    Die öffentliche Kritik an der “Afrikanischen Nacht” in dieser Inszenierung ist selbstverständlich richtig und not-wendig für Denkanstöße.
    Dennoch hinken wir Weißen noch meilenweit hinterher. Von daher:
    Frau Dr. von Versen möchte bestimmt etwas “Gutes” und “Richtiges” tun. Und für die Weißen in Eberswalde ist ihre Initiative vielleicht der nötige 1. Schritt, sich überhaupt “afrikanischer Kultur” ein wenig anzunähern….
    Darum: wenn Frau Dr. von Versen es besser könnte, würde sie es besser machen, davon ist ersteinmal auszugehen.

    Angesichts der beängstigend tiefen Abgründe und der globalen Dimension des jahrhundertealten Weißen Rassismus-Konstrukts könnten sich ja – über die Kritik hinaus – zum Beispiel aufgeklärtere Leute und Expert_innen in Eberswalde mit konstruktiven Alternativen unterstützend an die Seite der Frau Dr. von Versen stellen. Das könnte ein Weg auf Augenhöhe sein, auch in Eberswalde die not-wendigen Lern- und Bewußtseinsprozesse voranzubringen.
    Vom tiefen Schaden durch die Weiße Gehirnwäsche sind mit verschiedener Ausprägung, aber dennoch alle betroffen – eben auch Weiße. Mit dieser Haltung versuche ich hier vor Ort meinen Weißen Brüdern und Schwestern Brücken aus der Angst ins Bewußtsein und aktive Handeln zu bauen. Das zeigt leise ermutigende Ansätze, denn die Sehnsucht der Weißen nach Wahrheit wächst und überwinded zunehmend die Angst vor dieser.
    Vielleicht ist das ja auch in Eberswalde möglich: nicht mehr (Historie reproduzierend) gegeneinander, sondern zukunftsweisend miteinander. Damit wäre die ursprünglich von Weißen historisch intendierte Spaltung und Hierarchisierung der Menschheit ein Stück weiter aufgelöst. Und das ist doch das Ziel!

    Falls die Weiße Gehirnwäsche bei Frau Dr. von Versen aber doch noch zu gründlich wirkt, könnten parallel zur “Afrikanischen Nacht” beispielweise der “Afrikanische Tag”, also kreative Aufklärungs-Aktionen gestartet werden: vielleicht Weiße in Käfigen mit stündlicher Fütterung und/oder entsprechende Flyer mit entsprechender Aufklärung für die vielen Besucher_innen, oder oder.
    (Ich wünsche mir Ersteres. Aber falls doch Letzteres noch zutrifft: eigentlich schade, daß ich nicht in Eberswalde wohne… stehe aber für alle Fälle gern anregend und unterstützend per Mail zur Verfügung!) Viele liebe Grüsse!

  2. Timson
    Timson says:

    Hi,

    also ich hab mir bei all der Aufregung jetzt mal die Mühe gemacht die Website des betreffenden Zoos aufzusuchen und muss sagen, wtf!

    Mal davon abgesehen, dass ich solche Veranstaltungen grundsätzlich kritisch sehe ist mir aufgefallen, dass der termin der Einzige mit hinterlegter Kontakt-Mailadresse und vorallem mit Foto ist.
    Ich persönlich empfinde das in zusammenhang mit dem ebenfalls einzigen Foto im Veranstaltungskalender gerade zu als Provokation.

    “Sehr her ihr … ich kann machen was ich will und wenn euch das nicht passt dann schreibt mir doch ne E-Mail”

    Ich weiß nicht ob ich an der Stelle etwas schitzophren bin oder ob andere das auch so sehen.

    noch erschreckender das offenbar vereine wie die Deutsch-Namibische Gesellschaft e.V. keine Probleme damit haben und das Ganze auch noch promoten.

    ich schreib die mal an.

    http://www.dngev.de/index.php?view=details&id=114%3A6-afrikanische-zoo-nacht&option=com_eventlist&Itemid=19

    Viele Grüße

    Timson

  3. Sinan A.
    Sinan A. says:

    Ich meine auch,
    die Präsentation auf der Zoo-Seite ist ganz alte Schule, angelegt wie eine Safari-Tour mit dem Jeep. Die Veranstaltung zieht den direkten Bogen von Tier zu Mensch.

    In Eberswalde hat man offensichtlich selbst Defizite “bei der Integration in unsere moderne Zeit”, wie man letztes Jahr schreib. Denn Globalisierung im positiven Sinne bedeutet offener, unbeschwerter Handel weltweit auf Augenhöhe. Eine Zuschaustellung eines ganzes Kontinentes reduziert auf ein paar Trommeln ist mit Sicherheit nicht modern.

    Was man dem Verein “Freundeskreis Gesundheit für Ombili Berlin-Brandenburg” vielleicht zu Gute halten könnte, ist, dass man durch solche Veranstaltungen die Grundlage für Projekte und Spenden, also ein gewisses Wohlfühl-Ambiente für den weißen Mann schafft.

    Aber irgendwo gibt es Grenzen des guten Geschmacks. So wie das aufgemacht ist, ist es absolut nicht akzeptabel.

  4. Marita
    Marita says:

    Danke für “nicht erschrecken”! Das ist ja so richtig schlimm:
    mit Schaumküssen (iimmerhin!), Schokoladenbrunnen und Herrentag (mit Nackttänzer_innen???! Donnerwetter! Sitze hier mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch und kann’s wieder nicht fassen! Im Jahr 2011 – aber so ist es ja immer….

    Aber der Zoo Eberswalde mit seinem Programm ist ja echt die Krönung!
    Die verantwortliche Dame ist ja schon richtig dicht dran an der Wahrheit. Das dauert doch nicht mehr lange, bis das kippt….
    Hach, wohnt’ ich doch in Eberswalde! Wie gern würde ich einen sa-tier-ischen “Weißen Herrentag” veranstalten und meinen Zorn kreativ umsetzen…..
    Die Dummheit stirbt zuletzt, aber ganz zuletzt die Hoffnung….

    Wenn ich mich gefaßt habe, schreibe ich der Dame direkt. Immerhin gibt sie ihre Mail-Adresse an – unbewußt mutig auf der Suche nach Wahrhaftigkeit???

  5. Marita
    Marita says:

    Wie wär’s mit direkter Meldung bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes? Und eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Habe ich auch schon gemacht incl. zweier Wiedersprüche bis an’s OLG wegen des ewigen N-Wortes. Wurde natürlich abgelehnt, hat aber etwas frische Luft in die Weißen Köpfe gepustet, die Herren mußten sich mal damit befassen…. Je mehr Menschen sich mit solchen Sachverhalten melden, desto mehr Energie sammelt sich dort und so wandelt sich Bewußtsein…
    Vielleicht stehe ich schon auf einer “Nein, die bitte nicht!-Liste”, aber das ist mir mittlerweile egal: stetes Tropfen höhlt den Stein.
    Außerdem kann jede/r direkt an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte schreiben oder direkt an den Strafgerichtshof in Den Haag – mit frischem Mut! Es dauert ja alles… aber siehe Shell in Nigeria und das Ogoni-Volk…. Ken Saro Wiwa mußte nicht umsonst sein Leben lassen… es tut sich was!

    Grund- und Menschenrechte! “Die Würde des Menschen ist unantastbar”.
    Höchste Zeit von unseren Rechten Gebrauch zu machen!!!

  6. Red. der braune mob
    Red. der braune mob says:

    Leserbrief mit VÖ-Erlaubnis:

    “Afrikanische Nacht” im Zoo Eberswalde

    oder: Eierlauf am Herrentag

    ——————————————–
    Zur Kenntnisnahme:

    Dem Brandenburgischen Ministerpräsidenten, Herrn Matthias Platzeck
    Der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes
    ———————————————————————–
    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Friedhelm Boginski,
    Sehr geehrter Herr Zoodirektor Dr. Hensch,
    Sehr geehrte Frau von Versen vom Deutsch-Namibischen-Verein!

    Mein Name ist Mensch.

    Beim Lesen Ihres Zoo-Programms überkommen mich als potentielle Weiße Deutsche Touristin ganz komische Eindrücke und Gefühle.

    Nachfolgend nun mein Versuch, das Offensichtliche und Unterschwellige Ihrer Zoo-logischen Selbstdarstellung in Ihrer Bilder-Sprache zu formulieren:

    Was ist eigentlich bei Ihnen los ??? < <<<< Mit kunterbunten Plastik-Vertretern wird die Tradition der Frühlingsgefühle gepflegt - die Auftaktveranstaltung für den Bock zum Anfassen ist Der Eierlauf am Herrentag <<<<<<<<<<<<<<<<<<< Bei niedrigen Temperaturen haben alle Teilnehmer nach dem Ziel-Einlauf ausreichend Zeit, sich über die Ur-Frage: weiße oder braune? hautnah auszutauschen. Erhitzt trifft mann sich mit verkühltem Leib am Schokoladenbrunnen. Hier dürfen alle Schleckermäuler Obst 'reinhalten - ich vermute: goldgelbe Bananen und frühreife Pflaumen. Gestärkt und in praller Vorfreude bewegt sich bei exotischen Trommelklängen die Löwen-Parade zum Höhepunkt... äh... des Eberswalder-Zooprogramms: Die Afrikanische Nacht <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<< Hier findet das Verlangen nach Vogelhochzeit endlich zum 7. Mal seine Erfüllung: Der Bock auf Zoo gibt sich im Dunkeln dem Blasrohrschießen hin - hautnah und nur am Rande noch von den einzigartigen Lichteffekten fasziniert.... Der Zoo Eberswalde - nackt... äh nachtaktiv! --------------- Das habe ich alles schon verpaßt... In der Hoffnung, daß es hier bald Tag wird, suche ich beschämt den Weg zum Ausgang..... Fazit: Dieses Zooprogramm ist derart sexualisiert konzipiert und formuliert, daß ich um Fassung ringen muß und überlegt habe, wie ich's Ihnen mitteilen soll! Offensichtlich haben sich für diese Ko-Operation auf allen Seiten Kräfte gefunden, die zu einer solch peinlichen Selbstdarstellung geführt haben. Obwohl keine rassistischen Ausdrücke mehr verwendet werden - (Schaumküsse - Prima!) - ist die ganze Haltung, die aus diesem Programm spricht, nach meinem Empfinden sexistisch und nach wie vor rassistisch. Die Deutsch-Namibische Gesellschaft als Initiatorin der "Afrikanischen Nacht" blendet die Deutschen Kolonialverbrechen in Namibia auf ihrer Website "elegant" aus und geht sofort über zur "Wohlfahrt". So bleibt Ihre gutgemeinte Aktion, sehr geehrte Frau Dr. von Versen, noch der Haltung der ehemaligen Weißen Deutschen Kolonialherren und -damen verpflichtet. Empfehlen möchte ich Ihnen daher die Lektüre des Artikels "Weiße deutsche Frauen: Kolonialistinnen in der Vergangenheit, Rassistinnen in der Gegenwart - Das Beispiel Namibia" von Kerstin Engelhardt (aus: Entfernte Verbindungen von Ika Hügel (Hrsg.), 1993 Menschen gehören nicht als Attraktion in den Zoo ! Die Zeit der Völkerschauen ist vorbei! Und auch wenn sich immer wieder Menschen (wie die Tänzer auf dem einzigen (!) Foto) bereiterklären, diese jahrhundertelange Blöße der Weißen bei ihren Aufführungen zu studieren (hautnah!), kann diese Attraktion der Geduld nur eingerahmt von ehrlicher Einbeziehung des historischen Weißen Anteils an dieser Inszenierung seinen würdevollen - und damit angemessenen - Rahmen finden. Das wünsche ich mir für die Zukunft - Also: höchste Zeit für den 1. Afrikanischen Tag - auf Augenhöhe! <<<<<<<<<< So können die Weißen Gäste in Eberswalde nicht nur den Zoo-Ausgang, sondern auch Ideen für den Ausweg finden. Ich hoffe, daß alle Verantwortlichen guten Willens sind, ihr internationalisiertes Publikum nicht länger vor den Kopf zu stoßen, sondern die dringend not-wendigen Lern- und Bewußtseinsprozesse tun (Innovationskraft!). Als Einstieg und für weitere Infos: http://www.deutschlandschwarzweiß.de

    und http://www.derbraunemob.de

    Mit sa-tierisch-nachdenklichen Grüßen

    Menschenrechte-Aktiv
    Marita Blessing

    P. S. Für den Fall, daß alles so bleibt, müßte folgerichtig die Rote Laterne angehängt werden…..

    Bitte beachten Sie, daß dieser Schriftwechsel von mir zu Zwecken der Dokumentation, Lehre und Aufklärung öffentlich geführt wird.<<<< — Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärt das Jahr 2011 zum “Jahr der Menschen afrikanischer Herkunft” Weißsein – Weiße Privilegien – Weißer Terror: Rassismus ist eine Weiße Erfindung. Rassismus ist ein Verbrechen. Jede Diskriminierung hat das Ziel, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen. <<< Das Schweigen ist beendet. Das Bewußtsein wächst. Immer mehr Weiße Deutsche nutzen ihre Privilegien, um für Gerechtigkeit einzutreten: Es ist von allem GENUG FÜR ALLE da – Überall <<<

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