Reproduktion rassistischer Denkstrukturen unter dem Deckmantel der Wissenschaft:
Die SchülerInnenbefragung „Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt“

via MRBB

[Hervorhebungen von uns]

Am 19.10.2011 präsentierte die Landeskommission Berlin gegen Gewalt die Ergebnisse der SchülerInnenbefragung durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in der Werkstatt der Kulturen. Die 2010 vom Berliner Senat in Auftrag gegebene Studie wurde bereits in der Durchführungsphase massiv kritisiert. Die Schüler_innen sollen über den Fragebogen des KFN Informationen zum Elternhaus, Freundeskreis und zu den Nachbarn liefern. Sie wurden nach Straftaten befragt und sollten sich z.B. völlig unvorbereitet im Klassenzimmer an ihren letzten sexuellen Missbrauch erinnern.

„Unter dem Deckmantel einer Dunkelfeldstudie wird eine Re-Traumatisierung der Jugendlichen billigend in Kauf genommen“, sagt Nuran Yigit vom Vorstand des Migrationsrats Berlin Brandenburg: „Hinzu kommt, dass die Fragebögen bis heute nicht vollständig anonymisiert sind.“ Zudem wurden die Eltern der Minderjährigen nicht bzw. kaum über die Dunkelfeldstudie informiert und um Erlaubnis gefragt.

Der Fragebogen umfasst 38 Seiten mit 94 Fragen. Selbst wenn die Jugendlichen am Anfang ernsthaft bemüht gewesen sein sollten, wahrheitsgemäß zu antworten, so kann man bei der Masse an Fragen davon ausgehen, dass das Kreuz irgendwann einfach irgendwohin gesetzt wurde.

„In Zeiten knapper Finanzen hat der Berliner Senat für diese Studie knapp 100.000 € zum Fenster hinaus geworfen. Und – was noch viel schwerwiegender ist – sämtliche Bemühungen an Schulen, der Gruppenbildung entlang der Herkunft entgegenzuwirken, ad absurdum geführt“, beanstandet Nuran Yigit.

Die SchülerInnenbefragung des KFN ist in besonderem Maße dazu geeignet, rassistische Weltbilder zu verfestigen. Die Schüler_innen werden gezwungen sich selbst in 2 Kategorien einzuteilen: In „Deutsche“ und „teilweise Nicht-Deutsche“. Ausschlaggebend für diese Kategorisierung sind dabei die Staatsangehörigkeit, die leiblichen Eltern und das Geburtsland. „Diese Identitätspolitik ist längst überholt und entspricht nicht den hybriden Identitäten einer modernen Gesellschaft. Sie erinnern eher an das ‚Blut und Boden‘-Konzept alter Zeiten und werden dann gefährlich, wenn sie mit bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen verknüpft werden“, so Nuran Yigit und fügt hinzu: „Vor allem, wenn es sich dabei, um Untersuchung zu kriminellen Neigungen bestimmter konstruierter ethnischer, religiöser und kultureller Gruppen handelt. Wer sich bei seinen Handlungen und Entscheidungen auf die Ergebnisse dieser Studie bezieht, dem sollte also bewusst sein, dass er auf rassistischer Grundlage handelt.“

Diese Sorgen äußert auch der Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen, dem auch Staatsekretär Härtel, der zu der Ergebnispräsentation der KFN-Studie lädt, angehört. Staatsekretär Härtel hat zwar im Landesbeirat bezweifelt, dass die KFN-Studie rassistische Elemente enthält. Aber er hatte dennoch dem Beschluss zugestimmt, bei der Bewertung der Ergebnisse Vertreter_innen des Landesbeirats und des Landeselternausschusses einzubeziehen. „Herr Härtel bricht sein Wort und missachtet den Beschluss des Landesbeirats. Er hat uns trotz schriftlicher Aufforderung nicht auf das Podium eingeladen. Stattdessen darf Prof. Pfeiffer ohne kritische Stimmen seine vermeintlich wissenschaftlichen Ergebnisse präsentieren und sein rassistisches Gedankengut verbreiten. Dies ist ein Armutszeugnis aller Verantwortlichen“, sagt Nuran Yigit.

Kontakt, weitere Pressemitteilungen, Dokumentation, Satire, Kleine Anfragen an den Senat von Berlin : HIER

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